"Die Zeit der alten Feindbilder ist vorbei." Das sagte Frank Schira, CDU-Fraktionschef in der Hamburger Bürgerschaft, als seine Partei am Montag ohne Gegenstimme den Koalitionsvertrag mit den Grünen billigte. Schira, 1964 geboren, ist gerade noch alt genug, um die Entstehung und Parteiwerdung der Grünen bewusst miterlebt zu haben.
Als sich in den siebziger Jahren immer mehr Leute von den sogenannten etablierten Parteien abwandten, war dies vor allem eine linke Bewegung gegen die Politik der herrschenden Schmidt-SPD. Der damalige Kanzler und dessen Hintersassen waren, wenn nicht immer von der Biographie her, so doch vom Selbstverständnis ein Klub aufgeklärter Offiziere. (Dazu zählte auch der autoritäre Herbert Wehner, allerdings eher als Kompaniefeldwebel.)
Regieren verstanden etliche von ihnen als relativ ideologiefreies Führen von vorne, was bei vielen autoritätskritischen Menschen Ablehnung, ja Abscheu hervorrief. Die von der Gewalt der RAF erschreckten 68er, aber auch die weniger festgelegten 78er begegneten den SPD-Oberstleutnants vom Bonner Atomstaat mit weichem Wasser, Sitzblockaden und Ironie.
Verlogenheit in der Gesellschaft
Die Grünen wurden Partei wegen der und gegen die SPD. Allerdings waren die Sozialdemokraten nur ein politischer Gegner. Die CDU aber - und natürlich noch mehr die CSU - verkörperten für Grüne und solche, die sie wählten, fast eine andere Welt. Hier gab es Sprachlosigkeit, Anfeindungen, ja Feindschaft.
Im Jahr 2008 können viele, zumal solche, die während der Kanzlerschaft Schmidts oder gar Kohls erst geboren wurden, nicht mehr recht verstehen, was das für eine Gesellschaft war, die es bis weit nach 1968 in Westdeutschland gab.
Frauen zum Beispiel waren auch 1975 nicht nur das benachteiligte Geschlecht, sondern galten als von der Natur benachteiligt: Als Verkäuferinnen, Krankenschwestern oder gerade noch Ärztinnen schienen sie sich zu eignen, als Rechtsanwältinnen, Pilotinnen oder gar Chefinnen - zumal von Männern - nicht. Eine Familie bestand für die konservative Mehrheit aus dem arbeitenden Vater, der kochenden, erziehenden, putzenden Mutter und zwei Kindern.
Die Verlogenheit über private Zustände war manchmal groß. Ehen wurden oft um fast jeden Preis zusammengehalten; alleinerziehende Mütter galten als suspekt; Schwule hatten sich zu verstecken oder wurden Ziele von Hohn und Verachtung.
Sicher, wenn man die negativen Aspekte einer Gesellschaft so aufzählt, hört sich das schlimmer an, als es damals von den allermeisten empfunden wurde. Und jene, die heute um die sechzig sind, werden die siebziger Jahre als ihre gute, alte Zeit empfinden.
Ablehnung des Nachkriegs-Milieus
Der Aufstieg der Grünen aber war nicht nur ein Ausdruck der wachsenden politischen Kritik. Nein, als Fundament lag dieser Bewegung, dieser Partei die Ablehnung des westdeutschen Nachkriegs-Milieus zugrunde. Auch das Private war Politik - und eine manchmal laute Minderheit sah in der Union die weltanschauliche Organisation des Alten, des Starren, des Autoritären.
Gerade hierin waren sich die höchst unterschiedlichen Wurzelgruppen der Grünen von den Sektierer-Kommunisten bis zu den Öko-Libertären einig: Man wollte diese CDU-Gesellschaft verändern.
Die Gesellschaft hat sich sehr verändert, wenn auch nicht in erster Linie wegen der grünen Partei, aber doch wegen einer Geisteshaltung, deren Avantgarde an die fünfzehn Jahre lang auch viele Grüne darstellten. Allerdings ist die Zeit dieser Veränderungen weitgehend abgelaufen.
Hie und da haben sich im Westen, vor allem in größeren Städten wie etwa München, die Milieus noch fast so erhalten wie in den späten achtziger Jahren. Aus den grün-roten Avantgarden aber sind längst Nachhuten geworden. Viele Leute wollen heute nicht mehr Veränderung, sondern Stabilität - und in mancherlei Hinsicht sogar Rückschritt, zum Beispiel zurück in eine Sozialpolitik vor der Ära der Globalisierung.
Auch das erklärt die relative Popularität der Linkspartei, wohingegen die Grünen in die Rolle von Mohren geraten sind, die ihre Schuldigkeit getan haben. Nicht zuletzt deswegen bemühen sie sich mancherorts um eine neue Rolle.
Schwarz-Grün als Symbol
Die schwarz-grüne Koalition in Hamburg und das Milieu, aus dem sie entstanden ist, sind Beweise dafür, wie sehr sich die Gesellschaft verändert hat. Ein CDU-Bürgermeister von Adel, der seine Homosexualität nicht verhehlt, steht einer Regierung von urbanen Fünfzigjährigen vor, Schwarzen und Grünen, deren Einstellung zum Leben so unterschiedlich nicht ist.
Beide Parteien haben die Gelegenheits-Hochzeit nahezu freudig abgesegnet. Nach alten Maßstäben ist die Hamburger CDU, zumindest für CDU-Verhältnisse, "links", die Grünen aber sind nach grünem Sprachgebrauch "realistisch", also jedenfalls nicht links.
Schwarz-Grün mag noch kein Modell sein, ist aber bereits ein Symbol. Es relativiert stark die Bedeutung des in Teilen der SPD und der Linkspartei beschworenen "linken Lagers". Angst muss die Entwicklung der SPD einjagen. Sie hat es bisher nicht geschafft, sich zwischen dem nostalgischen Neo-Sozialismus der Linkspartei und dem Vormarsch der CDU auf sozialdemokratisches Gelände zukunftsfest zu verankern.




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