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Berlin - Eines muss man ihnen lassen, den Herrschaften von der Großen Koalition: In Sachen Körperbeherrschung macht ihnen so leicht keiner was vor. Sie haben sich nicht vor Prusten die Hand vor den Mund halten müssen, sie haben sich nicht laut klatschend die Hände auf die Schenkel geschlagen, sie haben nicht gefeixt oder gekichert.

Nein, sie sind allen Ernstes und ernsten Blickes aus dem Kanzleramt in die dunkle Nacht gelaufen und haben sich vor den Kameras aufgebaut: Man habe sich darauf verständigt, die Sacharbeit der Großen Koalition bis unmittelbar vor der Bundestagswahl im Herbst kommenden Jahres fortzusetzen.

Kein vorzeitiger Wahlkampf? Die Antwort der Herren erinnerte an den Breitmaulfrosch, der vom Storch gefragt wird, wo es denn Breitmaulfrösche gebe: "Dü gübt's hür nücht!", entgegnet der Frosch. Wahlkampf? "Dün gübt's hür nücht", echoten die Breitmaulfrösche der Großen Koalition.

Stattdessen: harte Arbeit fürs Land, bis zur Sommerpause 2009. Dabei haben sie alle entschlossen geschaut, Volker Kauder, Kurt Beck und - später - auch der Erwin Huber.

Entschlossen und ernst. Das war großes Kino vor der Kanzlerkulisse nach dem Koalitionsausschuss.

Der Wettlauf um den Wähler hat begonnen

Eine gute Woche ist dieses Schauspiel nun her. Seither möchte die Union einen Nationalen Sicherheitsrat, den die SPD nicht nur deshalb ablehnt, weil er Unsinn ist. (Es gibt den Bundessicherheitsrat, der reicht.) Sondern auch, weil er ihren Außenminister schwächen würde. Vom Nationalen Sicherheitsrat war im Koalitionsausschuss natürlich keine Rede.

Außerdem rangelt Kurt Beck mit Angela Merkel um einen EU-Kommissar, wovon im Koalitionsausschuss auch keine Rede war.

Und die CSU hat ein neues Steuerkonzept vorgestellt, von dem im Ausschuss auch keine Rede war (mehr...). Es ist ein Konzept, das alle erst verteufelten und dann nachahmen: Finanzminister Peer Steinbrück, SPD-Chef Kurt Beck (mehr...). Die CDU wird sicher auch noch mit einem Vorschlag kommen.

Der Wettlauf um den Wähler hat also doch schon begonnen.

Der aber fragt sich derweil: Ja, zum Donnerwetter, wenn sie alle drei Ideen für Steuersenkungen haben, warum setzen die Partner der Großen Koalition sich dann nicht zusammen und entwickeln ein Koalitionskonzept, anstatt ein jeder nach seiner Weise Versprechen für die Zeit nach der nächsten Wahl zu machen?

Die Fliehkräfte wirken. Innerhalb der Koalition, und innerhalb der beiden großen Partner. Die SPD zerfällt schon seit längerem in eine fundamentalistische Real-SPD und eine schrumpfende Realismus-SPD.

Die CDU flügelt ebenfalls, wenn auch etwas unbemerkter: Merkel hat mit ihrer persönlichen Linkspartei, der NRW-CDU unter Jürgen Rüttgers, eine Rentenlösung ausgehandelt, die Kompromiss heißt, aber Kleinbeigeben bedeutet.

Kurt Beck muss man immerhin zugute halten, dass er mit den Flügeln seiner Partei kämpft.

Merkel gibt ihnen nach - mal diesem, mal jenem. Ihre eigenen Konturen sind zur Unkenntlichkeit verschwommen, ineinander verlaufen. Wie bei einem Wasserfarbenbild, das in den Regen gekommen ist.

Die Große Koalition ist strukturell gescheitert

Wer an das Gute glaubte, gab sich vor knapp drei Jahren der Illusion hin, eine Große Koalition könne sich den großen Frage zuwenden und sie möglicherweise sogar lösen. Diese Illusion ist lange verschwunden.

Die Ernüchterung kam im Sommer 2006, und sie steckt immer noch allen Beteiligten in den Knochen. Die Gesundheitsreform, die selbst krank ist, versinnbildlicht die Arbeit der zweiten Großen Koalition dieser Republik. Sie ist nicht das starke Kind mit guten Genen, das aus einer intakten Beziehung hervorgeht. Sie ist schwächlich, schwindsüchtig. Es ist noch nicht einmal sicher, ob sie je kommt. Vorsorglich hatte man in jenem unseligen Sommer beschlossen, sie erst 2009 in Kraft zu setzen. So hat man sich nach der Erschaffung dieses Monstrums erst einmal Luft verschafft.

Seither arbeitete die Große Koalition formal weiter, obwohl sie strukturell gescheitert war. Nun, anderthalb Jahre vor der Bundestagswahl ist sie operativ endgültig am Ende. Dabei ist nicht einmal der Koalitionsvertrag, dieses wenig ambitionierte Papier, abgearbeitet:

Ein zweiter Teil einer Föderalismusreform ist dort versprochen, von dem man nichts hört.

Und, nur so als Beispiel, dort steht auch, dass man gedenke, die Endlagerfrage des Atommülls zu lösen, die seit Anfang der achtziger Jahre noch jede Regierung vor sich hergeschoben hat.

Stellungskrieg statt gemeinsamer Politik

Steuerreform, Föderalismusreform, Atomendlager: Das wären große Leistungen für eine Große Koalition. Statt dessen vergeudet sie ihre Kraft im Stellungskrieg gegeneinander. Es sollte mindestens eine Person geben, die ein ureigenes Interesse daran hat, dass dieser Stellungskrieg aufhört und gemeinsame Politik gemacht wird. Diese Person heißt Angela Merkel und verfügt als Kanzlerin über die Richtlinienkompetenz.

Leider merkt man das zu selten. Sie sollte schon deshalb ein Interesse daran haben, weil sie als Kanzlerin wiedergewählt werden möchte, und weil sonst nicht viel bleibt von dieser, ihrer Legislatur: eine Mehrwertsteuererhöhung, eine verunglückte Gesundheitsreform und Wolkenschiebereien in der Klimapolitik, die sich mit dem Namens des Ostseebades Heiligendamm verbinden.

Aber Merkel merkelt weiter. Derweil schauen alle Beteiligten nun ganz offen nur noch darauf, wo sie selbst bleiben. Die CSU fängt damit an, weil sie sich angesichts schlechter Werte vor der Landtagswahl im September in einer Krise befindet.

Sie wetterleuchtet. Das Gewitter wird folgen. Die CDU trifft sich im Herbst bei einem Parteitag, die SPD veranstaltet Ende Mai schon einen so genannten Zukunftskongress. Immer wird es um das eigene Profil, nicht um das Wohl der Großen Koalition gehen.

Das "Wir gegen uns" in dieser Koalition hat begonnen. Politik findet nicht mehr statt. Wer anderes behauptet, verkauft die Leute für dumm und trägt die Verantwortung dafür, dass sich das Publikum abwendet. Nicht nur von diesem Schauspiel, sondern von Politik insgesamt. Es sei denn, er oder sie besinnt sich eines besseren.

Und macht zum Beispiel gemeinsam jene Steuerreform jetzt, von der alle einzeln reden.